Kapitel 68: Familientratsch

 

 



Eigentlich hatte Amando nicht geplant, so schnell wieder mit Narciso zu reden. Nicht nach dessen Verhalten letztens. Am Telefon klang er aber tatsächlich so, als würde ihm das Ganze wirklich leid tun und wenn er sich entschuldigen möchte, will Amando ihm die Möglichkeit nicht ausschlagen. Zumal er ihm sowieso nicht lange wirklich böse sein kann, egal, was für einen Mist er baut. Das konnte er noch nie. Narciso ist schließlich immer noch sein kleiner Bruder.



Aber dass er sich ausgerechnet in Oasis Springs mit ihm treffen will? Was hat ihn da nur geritten?



Es ist schon eine ganze Weile her, dass Amando das letzte Mal hier war. So oft führt ihn ja nichts in die Wüste, schon gleich gar nicht freiwillig. Sein letzter Besuch hier ist aber mit positiven Erinnerungen belegt. Oder zumindest sollte er das sein.



Xiu hatte doch wirklich Spaß im Freibad, oder? War das auch nur gespielt? Theoretisch hätte sie sogar die Möglichkeit gehabt, ihn spielend leicht zu erledigen, immerhin war er durch die Sonne schon sehr geschwächt, aber das hat sie nicht getan. Stattdessen hat sie mit ihm drinnen gewartet, bis die Sonne untergegangen ist. Gewartet und geredet.



Amando vermisst es, so unbeschwert mit ihr umgehen zu können. Er würde gerne wenigstens noch ein einziges Mal mit ihr reden und lachen können, ohne diese ständige Unsicherheit darüber, ob sie das mit ihm ernst meint oder ob das alles nur ein krankes Spiel für sie ist und es ihr gar nicht wirklich um ihn geht. So, wie Narciso das gesagt hatte…



Insgeheim ahnt Amando, dass sein Bruder recht hat. Aber genau deshalb tun dessen Worte ja so weh. Umso neugieriger ist er, was Narciso heute zu der Sache zu sagen hat. Er hatte sich am Telefon recht knapp gehalten, offenbar war er sehr beschäftigt. Deshalb wollte er sich wohl auch mit ihm treffen. Im “Schlangennest”, hat er gesagt. Das müsste hier sein.



Diese Bar kennt Amando zwar nicht, aber viele Weitere gibt es hier in der Gegend nicht, also wird das schon stimmen. Hoffentlich sind im Gebäude nicht auch so viele Insekten wie hier draußen, sonst muss er dem Betreiber wohl mal Marietta ausleihen.



Narciso entdeckt Amando schneller, als es andersherum der Fall ist. Kein Wunder, bei diesem Aufzug. Im ersten Moment hätte Amando seinen Bruder fast nicht erkannt.

“Yo, Amando! Du hast es ja doch noch geschafft!”



“Dachte schon, ich muss die halbe Nacht hier auf dich warten.”

“Schneller ging es nicht. Ich bin schon früher aus der Arbeit gegangen. Du hast Glück, dass heute jemand für mich einspringen konnte.”



“Wieso wolltest du mich ausgerechnet in Oasis Springs treffen? San Myshuno ist doch näher an Glimmerbrook.”

“Schon, aber ich war gerade sowieso in der Gegend. Außerdem fühl ich mich hier sicherer. In Oasis Springs würde nie jemand einen Vampir vermuten.”

“Aus gutem Grund…”



“Hey, ich weiß das besser als jeder Andere! Immerhin bin ich hier schonmal zu nem Häufchen Asche verbrutzelt, erinnerst du dich?”

“Mhm. Wie könnte ich das je vergessen? Ich war schockiert, als Laetitia mich auf der Arbeit angerufen hat! Der Gedanke, tagtäglich Leben zu retten aber für meinen eigenen Bruder nichts tun zu können, hat mich damals so schwer beschäftigt, dass mein Chef mich irgendwann zwangsbeurlaubt hat, weil ich zu durcheinander war um ordentlich zu arbeiten.”

“Zum Glück konnte unsere zauberhafte Schwester das wieder hinbiegen. Geist zu sein war zwar auch irgendwie witzig, aber damals war ich definitiv noch zu jung für sowas. Gab noch so viel, was ich tun wollte…”



“Und jetzt gibt es das nicht mehr?”

“Eh? Na klar gibt es das! Ich muss immer noch irgendwann mein Restaurant eröffnen und ich schwöre dir, ich schaff es bis dahin, irgendein Gericht zu entwickeln, von dem nicht mal du kotzen musst!”



“Na da bin ich aber gespannt. Bis du es mal schafft, meinen empfindlichen Magen auszutricksen, brauchst du vermutlich noch sehr, seeehr viel Zeit.”

“Ach, das krieg ich schon hin. Wart’s nur ab!”



“Immerhin ist das umso mehr Grund, das mit dem Geistersein noch so lange wie möglich aufzuschieben. Außerdem das ist ja nicht alles, was ich noch machen muss.”

“Was hast du sonst noch so für Pläne?”



“Also als allererstes…äh….sollte ich mich wohl mal bei dir entschuldigen.”



“Was ich gesagt hab, tut mir leid. Ehrlich. Das kam nicht gut raus, ich hatte das so nicht gemeint. Also…das heißt….schon, irgendwie, aber nicht so wie es rüberkam. Ich meinte eigentlich-”

“Ist schon gut, Narciso.”



“Hm?”

“Ich glaube, ich weiß, wie du das gemeint hattest. Und wahrscheinlich hast du ja sogar Recht, auch wenn ich mir immer noch wünsche, dass es nicht so ist.”

“Hab ich?”



“Hör mal….ich hatte das aber echt nur auf diese- …auf….Xiu bezogen, ja? An dir ist ne Menge, was eigentlich viel mehr Frauen zu schätzen wissen sollten. Ehrlich gestanden wundert es mich sogar n bisschen, dass du nicht nen ganzen Schwarm von denen an dir kleben hast. Immerhin bist du Arzt! Du verdienst gut, du siehst gut aus und du bist verdammt nochmal der netteste Kerl den ich kenne. Bisschen unbeholfen vielleicht, aber hey, niemand ist perfekt.”



“Das…danke….”

Amando weiß gar nicht, was er dazu sagen soll. Die Entschuldigung hatte Narciso ja angekündigt, aber das Kompliment hatte er nun nicht erwartet. Denkt er wirklich so?



“Ehrlich, die wissen alle gar nicht, was sie verpassen.”

“Die meisten Frauen fliegen eben eher auf solche Draufgängertypen wie dich.”



“Aber nicht für was Ernsthaftes. Ist hin und wieder vielleicht ganz nett, aber auf Dauer funktioniert das nicht. Dafür braucht es Stabilität und da…äh…bin ich nicht so gut drin.”



“Vielleicht kann ich dir damit helfen.”

“Nee, lass mal. Das krieg ich schon alleine hin, irgendwann. Ich hab gerade auch echt kein Interesse dran, ne langfristige Beziehung einzugehen oder ne Familie zu gründen oder so.”



“Oh, apropos Familie! Wusstest du schon, dass wir ne Großnichte haben?”

Diese Nachricht überrascht Amando tatsächlich. Er bekommt zur Zeit wohl echt gar nichts mehr mit.



“...was? Hat Finola etwa ein Kind von ihrem Freund bekommen?”

“Nee, aber Caít.”

“Von Finolas Freund?!



“Quatsch. Schlimmer. Von einem meiner Jungs.”



Schlimmer ist das richtige Wort. Amando starrt seinen Bruder fassungslos an. Dass er und Caít gut befreundet sind, ist ja schön und gut, aber das geht jetzt doch ein bisschen zu weit.

“Du solltest sie wirklich aus deinem zwielichtigen Freundeskreis raushalten, Narciso. Das ist kein Umfeld für jemanden wie Caít.”

Jedenfalls nicht, wenn Narciso sich immer noch mit denselben Gestalten herumtreibt wie früher. In Sachen Freunde hatte er leider noch nie den besten Geschmack, von seiner Nichte mal abgesehen.



“Ich hab nix damit zu tun. Die haben sich ganz von alleine getroffen.”

“Sicher?”

“Absolut! Ich schwöre, ich würde Caít nie auch nur in die Nähe von einer unserer Pa- ….äh….Pokerabende lassen.”



Pokerabende? Der verschaukelt ihn doch. Die spielen nie und nimmer friedlich zusammen Karten. Andererseits will Amando auch gar nicht wissen, was die da wirklich treiben.

“Pokerabende, hm? Ist es das, was du mit deinen Freunden immer machst, wenn du mal wieder nächtelang nicht erreichbar bist?”

“Äh…ja….aber in letzter Zeit haben wir vielleicht n bisschen zu hoch gepokert und…äh…halten uns deshalb gerade n bisschen zurück….”



“Also jedenfalls bin ich deshalb gerade hier in der Gegend! Nicht wegen der Karten. Wegen Caíts Tochter, mein ich. Sie hat mich darum gebeten, hin und wieder mal n bisschen auf die Kleine aufzupassen, während sie sich mit der Arbeit befasst….oder sich mal n paar Stündchen Schlaf gönnt.”



Warum Narciso so schnell wieder das Thema wechselt ist Amando schon klar. Ist wahrscheinlich aber auch besser so. Im Grunde interessiert seine Großnichte sowieso mehr als Narcisos Freunde, auch, wenn er gerade eben erst von ihrer Existenz erfahren hat.

“Ach, deshalb dieser Aufzug?”



“Höh? Ah! Ja. Kleine Kinder mögen alles, was bunt ist, oder? Dachte, ich frag Ian mal, was der noch so in seinem Schrank hat. Mit sowas hätte ich zwar auch nicht gerechnet, aber Elva gefällt’s.”



“Wo du gerade von Ian sprichst….was sagen der und unsere Schwester eigentlich zu ihrer Enkelin?”

“Noch haben sie sie nicht persönlich kennengelernt.”

“Aber du spielst schon regelmäßig den Babysitter? Wie kommt das denn?”



“Ist ne lange Geschichte. Caít war ziemlich überfordert und hat erstmal niemandem Bescheid gesagt. Laetitia hat mich irgendwann auf sie angesetzt, um nachzusehen, was los ist und jetzt greif ich ihr unter die Arme. Natürlich hat Caít ihre Eltern hinterher angerufen und alles erzählt und nächste Woche will sie mal mit der Kleinen vorbeikommen. Komm doch auch!”



“Wenn ich die Zeit dafür finde, gern.”

“Ist wieder viel los im Krankenhaus?”

“Geht so. Zur Zeit ist es sogar relativ ruhig, aber das kann sich jeden Moment ändern. Zumal eine alte Kollegin von mir jetzt in Rente gegangen ist. Wir suchen gerade nach einem Ersatz, aber bis sich das wieder alles eingespielt hat, können Monate vergehen.”



“Ah. Dann drück ich dir die Daumen, dass ihr bald jemanden findet.”

Narciso wirft einen nervösen Blick auf sein Handy.

“Ähm….hör mal, ich will das Gespräch nicht abwürgen oder so, aber ich sollte langsam wieder los.”



“Zurück zu Caít? Oder hast du noch was Anderes vor?”

“Nee, schon weiter Babysitter spielen. Elva ist erstaunlich nachtaktiv und dass unsere Nichte auch mal zum Schlafen kommt, stell ich mich für die Zeit gern zur Verfügung. Ist sowieso angenehmer. Tagsüber bekommen mich keine zehn Pferde nach Oasis Springs!”



“Das kann ich gut nachvollziehen. Na dann viel Erfolg bei der Kinderbespaßung und richte Caít Grüße von mir aus, falls sie noch wach ist.”

“Mach ich! Wir sehen uns.”



Amando selbst hat noch einen recht langen Nachhauseweg vor sich, aber wenn er erst mal zurück in seiner Wohnung ist, kann er sich eine ruhige Nacht machen. Jetzt hat er immerhin wenigstens eine Sorge weniger.



Caít bewirkt bei Narciso wirklich immer wieder Wunder. Vor Kurzem hat er sich noch so vehement geweigert, das Haus zu verlassen und jetzt geht er regelmäßig babysitten? Schon erstaunlich. Vielleicht hätte Amando seinen Bruder darauf ansprechen sollen. Vielleicht ist es aber auch besser, dass er gerade das nicht getan hat, um keine alten Wunden aufzureißen. Es ist gut, wenn er sich seine Freiheit langsam wieder zurückholt.



Noch bevor er Oasis Springs verlassen hat, hört Amando das vertraute Klingeln seines Telefons. Wer ruft ihn denn um diese Uhrzeit noch an?



Die Nummer verheißt nichts Gutes.

“Dr. De Luna am Apparat, was-”



“Ein Notfall? Verstehe. Ich komme sofort.”



Das war’s dann wohl mit dem gemütlichen Rest der Nacht. Also nochmal zurück ins Krankenhaus.

 

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