Kapitel 66: Die zweite Lektion

 

 



“Hi, Jeroen.”

“Hi.”

“Komm rein, wir haben schon alles vorbereitet.”

“Danke.”



“Ging heute alles gut?”

“Geht so. Meine Mutter hat mich wenigstens meine Hausaufgaben machen lassen. Aber sie ist froh, dass ich nochmal weggegangen bin. Wahrscheinlich hat sie wieder ihren Freund eingeladen…”



“Umso besser, dass du jetzt hier bist. Komm, wir bringen dich auf andere Gedanken.”

Xiu sieht sofort, dass Jeroen eine Sporttasche dabei hat. Sehr gut. Dann steht der heutigen Unterrichtseinheit ja nichts mehr im Weg.



“Willkommen zur zweiten Lektion. Jetzt, wo du weißt, wie man einen Vampir erkennt, wird es Zeit, dass du lernst, wie man sich gegen diese Bestien verteidigt. Und zur Abwechslung fangen wir diesmal mit dem praktischen Teil an.”



Jeroens Augen fangen regelrecht an zu leuchten.

“Okay! Was muss ich tun?”

“Zieh deine Sportklamotten an. Wir gehen joggen.”



Wie auch schon beim letzten Mal ist Jeroen sichtlich unbegeistert von dieser Aussicht, aber wenigstens beklagt er sich diesmal nicht, sondern tut gleich, was man ihm sagt. Anschließend geht Xiu mit ihm nach draußen.

"Bleibt einfach ganz locker und folge mir. Ich weiß, dass du das nicht regelmäßig machst, deshalb hab ich nur eine kleine Runde eingeplant."

"Okay."



Darüber scheint er zumindest erleichtert zu sein. Jedenfalls, bis Xiu losjoggt. Dabei hat er eigentlich gar keinen Grund, so gequält reinzuschauen. Er schafft es sogar fast, mit ihr mitzuhalten. Anfangs zumindest.



Nach einer Weile wird deutlich langsamer, aber Xiu besteht trotzdem darauf, die Runde zu beenden und Jeroen reißt sich zusammen und versucht sich bis zum Schluss, ihr zu folgen.



Wie erledigt er hinterher ist, ist offensichtlich. Xiu hat schon Angst, dass er gleich umkippt.

"Gut gemacht! Du hast bis zum Ende durchgehalten, das ist ein super Anfang."

Jeroen braucht definitiv ein bisschen länger als Xiu selbst, um wieder zur Ruhe zu kommen, aber nicht so lange, wie sie befürchtet hatte. Dass es dem Jungen an Ausdauer fehlt, ist offensichtlich. Potenzial hat er aber. Außerdem hat er den Vorteil, dass er noch sehr jung ist. Wenn er das regelmäßig macht, ist er in nullkommanichts fit.



"Das machen wir ab jetzt zu jeder Lektion. Am besten auch dazwischen."

"Urgh…."

"Ach komm, stell dich nicht so an! Es lief doch super. Und je öfter du das machst, desto leichter wird es. Versprochen. Aber jetzt sollten wir erstmal wieder rein gehen, ein bisschen Zeit für Theorie haben wir noch."



Das lässt Jeroen sich nicht zweimal sagen. Kaum, dass er Xius Worte hört, prescht er schon voraus. Er hat also doch noch Energie.



Nachdem sowohl er als auch sie sich wieder umgezogen haben, treffen sie sich im Wohnzimmer. Jeroen wartet schon aufmerksam.



"Heute geht es um unsere Ausrüstung."

"Einen Teil hab ich ja letztes Mal schon gesehen."



“Aber nicht den Teil, um den es heute geht. Noch wichtiger als die richtigen Waffen-”

“Werkzeug.”

“....als das richtige Werkzeug, ist nämlich die richtige Kleidung.”



“Kleidung? Habt ihr da Schutzanzüge oder ne Uniform oder so?”



“Nein, von uns trägt jeder, was er will. Wichtig ist nur, dass du dich darin gut bewegen kannst und sie ausreichend Schutz bietet. Du solltest nicht zu viel Haut zeigen und vor allem nicht deinen Hals.”

“Vampire neigen dazu, auf den Hals zu gehen.”

“Richtig. Und deshalb machen wir ihnen das so schwer wie möglich, dass sie gar nicht erst in Versuchung kommen.”



“Also geht ihr quasi in….Rollkragenpullovern oder so jagen?”

“Das ist tatsächlich eine Möglichkeit.”

“Wird das nicht zu warm?”



“Wäre es dir lieber zu schwitzen oder zu bluten?”

“....hmm…ja…stimmt wohl…”



"Aber was hält die Vampire davon ab, diesen Schutz einfach zu zerstören?"

"Nichts. Jedenfalls theoretisch. Aber es gibt uns mehr Zeit. Je mehr Steine wir ihnen in den Weg legen, desto besser."



"Außerdem haben wir da noch einen kleinen Trick, wie wir sie dazu bringen können, sich zweimal zu überlegen, sich uns zu nähern."

"...Knoblauch?"

"Richtig! Gut aufgepasst!"



"Das stand auch in diesem Buch. Aber ich hab trotzdem noch nicht verstanden, wie das eigentlich funktioniert. Wieso haben Vampire Angst vor Knoblauch?"



"Haben sie nicht."

"Aber den meisten von ihnen wird bei dem Geruch kotzübel und ihnen vergeht sofort der Appetit. Sie halten sich lieber so weit wie möglich davon fern."



"Also steckt ihr euch Knoblauchzehen in die Kleidung? Oder habt ihr da Knoblauchparfüm oder so?"



Xiu kann nicht anders, als zu lachen.

"Wir halten uns an Knollen oder Zehen, aber Parfüm wäre auch mal eine Idee. Das ließe sich im Notfall auch als so eine Art Vampirabwehrspray verwenden.”



“Es wäre auch wesentlich handlicher als die Knoblauchzöpfe, die du dir gerne in den Mantel hängst, Rodrigo!”

Sie hängen sich Knoblauchzöpfe in den Mantel?"

Rodrigo zuckt mit den Schultern. Xiu fand das ja immer ein bisschen übertrieben, aber ihr Partner besteht darauf. Eine alte Tradition, angeblich.

“Es hilft.”



“Zumindest hab ich tatsächlich nur selten einen Vampir gesehen, der versucht, ihm an die Gurgel zu gehen. Aber das kann auch an seinem Mundgeruch liegen."



“Hihi, beruhig dich, Rodrigo! Das war ein Witz. Du riechst völlig okay und ich fand die Idee, den Knoblauch auch zum Kochen zu verwenden, ziemlich gut. Außerdem esse ich doch das Gleiche wie du.”



"Erklärt ihr mir dann jetzt, wie das mit den Waffen- ....sorry, dem Werkzeug funktioniert?"

Xiu rollt mit den Augen, als Jeroen Rodrigo ein erwartungsvolles Grinsen zuwirft. Von dem bekommt er allerdings ein bestätigendes Lächeln und ermutigendes Nicken. Natürlich.



"Ich fürchte, dafür fehlt uns heute die Zeit. Es ist schon spät. Wir sollten langsam Schluss machen."

"Schon?"

"Willst du noch mehr?"

"Naja…."

"Oder willst du nur noch nicht nach Hause?"



Jeroen zuckt mit den Schultern. Mindestens ein Grund ist das also. Vielleicht kann Xiu ihn da ja aufmuntern.

"Die Runde Joggen hat Einiges an Zeit gekostet, deshalb ist heute mehr Theorie einfach nicht drin. Außerdem brauch ich noch kurz zehn Minuten mit dir. Ich muss noch etwas Wichtiges mit dir besprechen, bevor du gehst.”

“Hm?”

“Es geht um deine Wohnsituation. Du hast doch gesagt, du willst ausziehen, oder?”

“Ja, schon.”



Es dauert einen kurzen Moment, bis der Groschen fällt.

“....haben Sie etwa was gefunden?”

“Das hab ich tatsächlich. Es hat sich herausgestellt, dass die Wohnung direkt gegenüber frei ist. Die ist zwar ziemlich klein und außerdem heruntergekommen…ähm….aber dafür ist sie echt bezahlbar.”

“Auch für nen Auszubildenden wie mich?”



“Nein.”

“Oh….”

“Aber du musst das auch gar nicht alleine stemmen.”



“Ich hab eine ganze Weile mit unserem Chef telefoniert. Hab ihm alles erzählt. Er findet dich interessant und würde dir gerne eine Chance geben. Also hat er angeboten, die Miete zu übernehmen, unter der Bedingung, dass du dich wirklich in deine Ausbildung reinhängst. Ich musste ihm versprechen, dass ich ihm regelmäßig Bericht über deinen Fortschritt erstatte. Enttäusch mich also nicht, okay?”



Jeroen kann es gar nicht fassen. Zumindest erklärt Xiu sich so, warum er im ersten Moment kein Wort herauskriegt und sie einfach nur mit offenem Mund anstarrt. Es dauert bestimmt eine Minute, bis er das alles verarbeitet hat.

“Ist das gerade echt? Oder träum ich?”

“Nein, du träumst nicht. Aber du verschluckst dich gleich an einer Fliege, wenn du den Mund nicht wieder zumachst.”

“Oh, sorry.”



“Es gibt noch ein paar Sachen zu klären bezüglich der Wohnung, aber das mach ich schon. Wenn alles fertig ist, geb ich dir Bescheid, ja?”

“Okay!”

“Dann hörst du hoffentlich bald von mir. Ansonsten sehen wir uns nächste Woche. Und versuch auch zwischendurch mal joggen zu gehen, okay?”

“Ich versuch’s.”



“Dann hören wir uns hoffentlich bald. Bis dann, Jeroen.”

“Bis dann.”



“Wie hast du den Chef überzeugt?”



“Ich würde ja gerne behaupten, das lag an meiner Hartnäckigkeit und meinem überlegenen Talent zu verhandeln….aber es war viel leichter, als ich anfangs befürchtet hatte.”



Rodrigos fragendem Blick nach zu urteilen, muss sie wohl noch weiter ausholen.

“Ich hab den Namen “van Laren” fallen lassen, wie du vorgeschlagen hast. Mehrmals. Und auch mehrmals betont, was das für die Gilde bedeuten könnte, wenn wir das hinbekommen. Außerdem war der Chef die ganze Zeit über verdächtig gut gelaunt. Ich schätze mal, das hängt mit seinem neuen Spielzeug zusammen.”



“Spielzeug?”

“Na du weißt schon. Dieser Kerl.”

“Der Informant?”

“Genau der. Scheint sich als echte Goldgrube herauszustellen. Ich hoffe mal, der hält den Chef noch eine Weile bei Laune. Der ist so viel angenehmer, wenn er gut drauf ist.”



“Jetzt müssen wir nur noch dafür sorgen, dass Jeroen auch seine Erwartungen erfüllt.”

 

 Zurück zu Kapitel 65    |    Weiter zu Kapitel 67

Kommentare