Kapitel 61: Mistwetter

 

 



Dass Rodrigo so lange weg ist, bereitet Xiu Sorgen.



Es ist nicht so, als ob sie ihrem Partner nicht vertrauen würde, aber die Umstände sind einfach so bizarr, dass sie gar nicht anders kann. Dass er sich ausgerechnet von einem Vampir behandeln lässt. Ob das gut geht?



So dreist, seine Patienten mitten im Krankenhaus zu überfallen, ist Amando aber wohl hoffentlich nicht. Dafür ist er zu vorsichtig. Abgesehen davon würde Rodrigo sowieso kurzen Prozess mit ihm machen, wenn er irgendwas versuchen sollte. So weit sollte seine Verletzung mittlerweile ja wieder verheilt sein.



Glücklicherweise dauert es nicht lange, bis Xiu die Wohnungstür hört.

“Da bist du ja wieder! Was hat dich so lange aufgehalten?”



“Die Bahn.”

“Ah, streiken sie wieder?”

“Hm.”



“Im Krankenhaus warst du aber, oder?”

“Ja.”

“Und, was hat dein Arzt zu deinem Bein gesagt?”



“Ist in Ordnung. Aber ich soll meine Hände schonen.”



“Was? Wegen der Brandwunden?”

“Mhm.”



“Tun dir die Hände denn noch weh?”

“Nein.”

“Warum sollst du sie dann schonen?”



“Sie könnten sich infizieren. Ich soll kein Naturholz anfassen. Wegen Holzsplittern.”



Xiu zieht missmutig die Augenbrauen zusammen. Kein Naturholz? Das ist ja eine nette Ausrede, die Amando sich da ausgedacht hat. Und Rodrigo fällt auch noch darauf herein.

“Dann zieh eben Handschuhe an. Du trägst normalerweise doch sowieso Handschuhe, wenn du arbeitest.”



“.....stimmt.”

Manchmal steht Rodrigo wirklich auf dem Schlauch. Gut, dass sie auch noch mitdenkt.



“Und wenn der Herr Doktor nicht will, dass du dir eine Infektion einfangen könntest, dann trägst du sie in nächster Zeit eben auch beim Schnitzen. Oder du lässt das unseren Schüler machen. Wolltest du ihm das mit deinem Werkzeug nicht sowieso zeigen?”

“Ja.”

“Dann ist das jetzt doch die beste Gelegenheit für ihn, das ein bisschen zu üben. Immer nur Theorie wird ihm auf Dauer wahrscheinlich sowieso zu langweilig.”



“Aber bevor du jetzt gleich abhaust und deine Handschuhe suchen gehst…wie war Amando denn sonst so drauf? Hat er sich irgendwie verdächtig verhalten?”

“Verdächtig unverdächtig.”

“Also wie immer…”



Das hat er wirklich gut drauf. Nicht, dass Xiu auf so etwas hereinfallen würde, aber seine restlichen Patienten sind wahrscheinlich nicht so aufmerksam wie sie und auch nicht seine Kollegen. Dass es überhaupt so weit kommen konnte, jemanden wie den in einem Krankenhaus arbeiten zu lassen! Xiu will gar nicht daran denken, wie oft ihm seine Patienten Schutzlos ausgeliefert sind. Dass das bisher noch nicht aufgeflogen ist, grenzt fast schon an einem Wunder. Das, oder es zeugt einfach nur von seiner geschickten Schauspielkunst, aber gerade das macht ihn ja umso gefährlicher.

“Ich hoffe für seine anderen Patienten, dass er die auch ordentlich behandelt und nicht nur als Blutkonserven auf zwei Beinen sieht. Aber das ist bei einem Vampir wohl zu viel verlangt…”



“Naja, bald kannst du dich ja hoffentlich darum kümmern. Bis dahin, probier mal aus, wie gut das mit den Handschuhen funktioniert. Ich muss kurz weg, einkaufen. Wir haben kaum noch was im Haus.”

“Ist gut.”



Gerade, als sie sich zum Gehen wendet, meldet Rodrigo sich noch einmal zu Wort.

“Ach, Xiu….”

“Ja, ich weiß. Dein Lieblingskäse. Ich werd sehen, ob ich was davon mitbringen kann.”

“Danke.”



Amando mimt also weiterhin den braven Arzt. Das war ja zu erwarten.



Wenn es eines ist, das Xiu an Vampiren besonders stört, dann ist es diese verdammte Geduld, die sie dabei haben, mit ihrem Essen zu spielen. Wochen, Monate, manchmal sogar Jahrelang! Das ist fast schon pervers, wie lange diese Monster Spaß mit ihrer Vorfreude haben. Aber klar, jemandem, der nicht altert, kann das ja egal sein.



“Hm? Was ist denn da vorne los?”

Vor dem Kunstzentrum hat sich ein regelrechter Auflauf gebildet. Seit wann versammeln sich dort so viele Leute? Ist irgendwas passiert?



Eigentlich sollte Xiu weiter zum Supermarkt, aber ihre Neugier lässt sie das nicht ignorieren.

“Entschuldigung, aber wissen Sie, was hier los ist?”

“Oh, haben Sie noch nicht davon gehört? Ein neues Bild von Unbek Ant ist aufgetaucht und soll ab heute hier im Kunstzentrum ausgestellt werden.”



Unbek Ant? War das nicht der, von dem Amando erzählt hatte?

“Ah, interessant. Vielen Dank für die Auskunft.”

“Keine Ursache.”



Vielleicht sollte sie sich das bei Gelegenheit mal ansehen. Im Augenblick hat sie aber keine Zeit dafür. Außerdem sind hier sowieso zu viele Leute. Da geht sie lieber ins Kunstzentrum, wenn ein bisschen weniger los ist. Jetzt geht sie erst einmal einkaufen.



Etwa eine Dreiviertelstunde später


“Na toll, die hatten den verdammten Käse schon wieder nicht da. Wie soll ich das nur Rodrigo beibringen?”

Und das Wetter hat sich auch deutlich verschlechtert. Wieso hat sie nur keinen Schirm mitgenommen? Bei diesem Wolkenbruch schickt doch niemand seinen Hund vor die Tür oder geht selbst freiwillig nach draußen. Ausgenommen von ein paar armen Irren wie dem da vorne vielleicht.



Moment, ist das nicht…?



“Jeroen! Was tust du bei diesem Wetter hier draußen? Sind doch gar keine Leute da, die du anpöbeln kannst.”



“Hm? Oh…Sie sind’s…”



“Ständig seh ich dich hier auf der Straße. Macht dir der Regen gar nichts aus? Solltest du nicht besser im Trockenen sitzen und lernen?”

“Würde ich ja…”

“Aber?”



“Geht nicht. Meine Sachen sind zuhause.”

“Und warum bist du es nicht?”

“Ich will nicht.”



Muss man dieser kleinen Wanze eigentlich alles einzeln aus der Nase ziehen? Gut, dass Xiu das von Rodrigo schon gewöhnt ist, sonst würde ihre Geduld wohl nicht ausreichen.

“Keine Lust?”



Jeroen zuckt mit den Schultern. Typisches Teenagerverhalten. Wäre da nicht sein ausweichender Blick. Ist er etwa….traurig?



“Stimmt etwas bei dir zuhause nicht?”

Er schüttelt den Kopf. Worte bringt er trotzdem keine heraus. Jetzt erst recht nicht.



Vielleicht sollte sie es ausnahmsweise mal ein bisschen taktvoller versuchen.

“Familie kann manchmal schwierig sein, hm?”



“Meine Mutter hat mich rausgeworfen. Ich darf erst heute Abend zurück.”

Das hatte Xiu nun nicht erwartet. Welche Mutter macht denn sowas?!

“Was? Wieso das denn?”



“Sie hat Besuch von ihrem neuen Barkeeperfreund. Sagt, sie will ihre Ruhe haben.”



“Und dann setzt sie dich bei diesem Wetter einfach auf die Straße? Die muss dich ja echt gern haben…”



“Sie hasst mich. Ich glaube, sie will mich rausekeln. Schafft sie auch ganz gut. Ich hab wirklich keine Lust mehr, mit ihr zusammen zu wohnen.”

“So schlimm?”



“Sie ist nur noch am Trinken und Partys veranstalten. Mich lässt sie hinterher immer alles aufräumen. Als wär ich ihr Dienstmädchen oder so. Und wenn ich dabei zu laut bin, schnauzt sie mich an. Als ob ich schuld daran wäre, dass sie Kopfschmerzen hat…”

So langsam weiß Xiu echt nicht mehr, was sie noch sagen soll. Dass es bei Jeroen zuhause so schlimm zugeht, hat sie gar nicht geahnt.



“Sag mal, willst du bis heute Abend zu uns in die Wohnung kommen? Du musst ja nicht hier im Regen rumstehen, nur, weil deine Mutter sich verhält wie der letzte Arsch.”

“Wäre das denn okay für Sie?”



“Klar. Ich hab es dir doch gerade angeboten und Rodrigo hat bestimmt auch nichts dagegen.”

“Dann gern. Danke.”



Das war zwar so nicht geplant, aber ein bisschen verantwortlich fühlt Xiu sich für ihren Schüler ja schon.

“Das wird eine Überraschung für Rodrigo.”


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