Kapitel 56: Marco

 

 



Seit ihrem letzten Besuch in der Krypta scheint Orion unruhiger als sonst. Woran das liegt, kann Evan sich bereits denken. Sicherlich hängt es mit dem zusammen, was Roxane erwähnt hat. Die Aussicht darauf, dass sein Mentor noch am Leben sein könnte, treibt den Jungen um.



Dennoch schenkt er Evan in letzter Zeit vermehrt sein hübsches Lächeln. Ob das nun auch diese neu in ihm erweckte Hoffnung zum Grund hat oder vielleicht doch ihr Gespräch im Garten, vermag er nicht zu sagen. In jedem Fall ist er nicht unglücklich darüber.



Lucia ist dagegen noch abwesender als zuvor. Ihre Besuche in der Krypta häufen sich immer mehr und selbst, wenn sie zuhause ist, scheint sie oft in Gedanken versunken. Das Gespräch mit Evan sucht sie kaum noch und, zu seinem großen Bedauern, auch nicht seine Zärtlichkeiten.



Der Zeitpunkt, Orion näher zu kommen, könnte also kaum besser sein.



Wie praktisch jede Nacht in der vergangenen Woche, ist Lucia auch heute außer Haus. Orion befindet sich ebenfalls weder in seinem Zimmer noch in einem der anderen Räume, in denen er sich sonst gerne aufhält. Es fällt Evan nicht schwer zu erraten, wohin er verschwunden sein könnte.



“Habe ich es mir doch gedacht, dass ich dich hier finde.”

“Oh…Evan.”



“Es wärmt mein Herz zu sehen, wie gut dir meine kleine Überraschung noch immer zu gefallen scheint.”

“Klein nennst du das? Du hast mir damit einen wichtigen Teil meines Lebens zurückgegeben.”



“Ich hatte geglaubt, ich kann so etwas nie wieder sehen. Also…nicht exakt so etwas, aber wenn ich ehrlich bin, gefällt mir das hier sogar noch viel besser als die Blumen im Park damals.”



“Bekomme ich dafür auch heute ein Dankeschön?”



Dass er Orion damit immer noch in Verlegenheit bringt, amüsiert Evan. Er ahnt aber schon, dass das nicht der einzige Grund sein kann, weshalb der Junge zögert.

“Oh, keine Sorge, Lucia ist nicht hier.”

“Also in diesem Fall…”



“...so oft und so viele wie du willst.”

So schüchtern, wie Orion anfangs war, hatte Evan nicht einmal davon zu träumen gewagt, jemals so frei von ihm geküsst zu werden. Er muss aber zugeben, dass es ihm gefällt.



“Du ahnst kaum, wie glücklich du mich damit machst.”



“Und du ahnst nicht, wie befreiend all das für mich ist.”



“Befreiend?”

“Ja, ich…uhm…”

Und da ist er wieder, der schüchterne, unsichere Orion, der Schwierigkeiten damit hat, seine Worte zu finden.



“Lass dir Zeit.”

“Weißt du, ich….ich wollte eigentlich schon viel früher…”



“Über deinen Schatten springen, mir in die Arme fallen und deine hübschen Lippen dazu nutzen, mich mit Küssen zu übersäen?”



“...ja. Ja, ich glaube, das trifft es ganz gut.”



Obwohl es ihn eigentlich nicht wundern sollte, erstaunt Evan diese offene Antwort ein wenig. Halb hatte er Orions Satz im Scherz vervollständigt, halb hatte er gehofft, dass es tatsächlich der Wahrheit entspricht. Jetzt, wo er die Gewissheit hat, kommt sie ihm aber regelrecht surreal vor.

“Oh, Orion…wieso hast du denn nie etwas gesagt?”



“Ich…weil…du weißt doch…Lucia. Und außerdem…ich wusste nicht…”

“Lucia ist in letzter Zeit mehr unterwegs als dass sie hier ist. Vor ihr hast du wohl kaum etwas zu befürchten.”



“Und falls du Zweifel hast, was mich selbst angeht…nun, ich habe noch nie viel davon gehalten, mich auf nur einen Partner zu beschränken. Wo käme ich denn da hin, bei meinem Alter?”



Für einen Moment scheint Orion irritiert. Kurz darauf fängt er aber plötzlich an zu lachen. Dass Evans eigenem Ausdruck sein Amüsement leicht abzulesen ist, hat ihm vermutlich geholfen.

“In deinem Alter? Wie alt bist du denn?”



“Alt genug, um bereits den einen oder anderen Vampir kennengelernt zu haben, der daran zugrunde gegangen ist, ewig einer verlorenen Liebe nachzutrauern. Ich lebe lieber im Hier und Jetzt und du solltest das auch tun, Orion. Das ist auf Dauer wirklich angenehmer. Und das Alter spielt dann auch keine Rolle mehr.”



“Deine Einstellung ist wirklich beneidenswert. Mir fällt das alles noch sehr schwer, vor allem jetzt, wo meine Vergangenheit mich schon wieder einzuholen scheint.”



“Das mit deinem Mentor, meinst du?”

“Ja. Versteh mich nicht falsch, ich freue mich über diese Nachricht! Also, sollte wirklich etwas an der Sache dran sein, meine ich. Aber das hat mir neue Hoffnung gegeben.”



“Das verstehe ich durchaus. Dieser Marco scheint ja ein wirklich beeindruckender Mann gewesen zu sein. Du hattest erwähnt, er war Lucias rechte Hand, richtig?”

“Richtig. Jeder von uns hat zu ihm aufgesehen und das zurecht.”



“Marco war immer sehr freundlich und zuvorkommend zu mir, aber wenn es darauf ankam, konnte er auch eine echte Führungsperson sein. Lucia hat, soweit ich das mitbekommen habe, sehr oft seinen Rat gesucht.”



“Das kann ich mir kaum vorstellen. Aber du machst mich neugierig. Möchtest du mir nicht noch ein wenig über ihn erzählen? Wie es weiterging, nachdem er dich in der Sonne gefunden hatte, zum Beispiel?”

“Natürlich.”



“Nachdem er mein Leben gerettet und ein ruhiges Gespräch mit mir geführt hat, hat Macro es geschafft, mich davon zu überzeugen, ihn zurück zu Lucias Anwesen zu begleiten. Das war nichts, worauf ich sonderlich erpicht war, aber mir war klar, dass ich kaum eine andere Wahl hatte. Wohin sonst hätte ich auch gehen sollen? Als ich abgehauen bin, hatte ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Ich wollte einfach nur weg. Aber zurück zu meiner Familie konnte ich nicht und auf der Straße wartete nur der Tod auf mich.”



“Lucia hatte natürlich mitbekommen, dass ich weg war. Erfreut war sie darüber nicht, wie du dir sicher denken kannst. Aber Macro bat sie darum, mir noch einmal zu verzeihen und versprach ihr, dass er sich um mich kümmern würde. Das muss sie wohl beruhigt haben. Zumindest ist es das, was er mir später erzählt hat.”



“Von diesem Moment an war er offiziell für mich verantwortlich. Er gab sich große Mühe damit, mir das Leben als Vampir schonend beizubringen. Sofern man das überhaupt so nennen kann…”

“Schonender jedenfalls als Lucia, nehme ich an. Aber das wird vermutlich keine Kunst sein.”



“Ja, das stimmt wohl. Anfangs war sie sehr ungeduldig mit mir. Und je mehr Druck sie auf mich auszuüben versuchte, desto weniger wollte ich etwas mit ihr oder ihrem Clan zu tun haben.”

“Und Marco hat das geändert?”



“Das hat er. Er war so viel freundlicher und geduldiger mir gegenüber als der Rest. Für die meisten anderen Vampire war ich im besten Fall eine Kuriosität, im schlimmsten ein Versager und eine Verschwendung der Zeit und Energie ihrer Matriarchin. Aber Marco wollte mich nicht aufgeben.”



“Es fiel mir trotzdem schwer, mich an manche Dinge zu gewöhnen. Besonders das Trinken von Blut, noch dazu von unschuldigen Unfreiwilligen, widerstrebte mir eine lange Zeit.”



“Wirklich gern mache ich das immer noch nicht. Aber er hat mir gezeigt, dass es auch andere Möglichkeiten gibt und dass unsere Opfer, wenn wir es richtig anstellen, gar nicht wirklich etwas davon mitbekommen und sich auch hinterher an nichts erinnern können. Das macht es zumindest ein kleines bisschen leichter.”



“Nachdem ich die Nahrungsaufnahme nicht mehr verweigert habe, ist auch Lucia ein wenig geduldiger mit mir geworden. Glücklicherweise. Sonst hätte das mit mir wohl anders geendet.”

“Das kann ich mir gut vorstellen. Aber angesichts dessen, was ich beobachtet habe, besteht zwischen “sie wurde ein wenig geduldiger mit mir” und der Art, wie sie dich heutzutage behandelt, noch ein großer Unterschied. Wie hast du es geschafft, sie so sehr auf deine Seite zu ziehen? Sie frisst dir ja förmlich aus der Hand.”



“Ich habe gelernt, nach ihren Regeln zu spielen. Eigentlich wollte ich das nie, aber im Laufe der Zeit musste ich einsehen, dass ich kaum eine andere Wahl hatte, wenn ich in diesem Clan…in diesem Leben etwas erreichen wollte.”



“Angefangen hat es damit, dass ich angezogen habe, was mir gebracht wurde. Ich muss auch zugeben, dass ich diese Entscheidung im Nachhinein nicht so sehr bereue, wie ich befürchtet hatte. Meine alte Kleidung war dreckig und kaputt. Aber sie war auch so ziemlich das Einzige, was mir von meinem alten Leben geblieben war, außer meiner Erinnerung. Sie zu behalten hätte mich vermutlich noch lange daran gehindert, dieses neue Leben anzunehmen.”



“Über die nächsten Wochen und Monate lernte ich dann, mich zu benehmen. Marco hat mir auch damit sehr geholfen. Er wusste, was Lucia von mir erwartet und was ihr gefällt.”



“Das war gar nicht so leicht. Ich hatte nach wie vor große Angst vor ihr und ihren….Temperamentsausbrüchen. Ich habe gesehen, wozu sie in so einem Zustand fähig ist. Was sie denjenigen antut, die sie verärgert haben.”



“Zum Glück hatte ich jetzt jemanden, der zwischen ihr und mir stand, wenn sie schlechte Laune hatte und mich in Schutz nahm. Bis ich selbst lernte, sie zu besänftigen.”



“Indem du besonders unterwürfig bist und ihr mit deinen großen blauen Augen diesen unwiderstehlichen Welpenblick zuwirfst?


“Haha, ja, so in etwa.”



“Oh, tatsächlich? Und das funktioniert? Erstaunlich. Ich hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet Lucia sich von so etwas manipulieren lässt.”



“So ging es mir anfangs auch. Aber als ich gemerkt hatte, was für eine Wirkung das auf sie hat, habe ich damit begonnen, das auszunutzen. Es fiel mir nicht ganz leicht, aber im Laufe der Zeit bin ich wohl ganz gut in diese Rolle hineingewachsen. Das hat mir das Leben im Clan deutlich erleichtert.”



“Es gab mir ein gewisses Selbstbewusstsein und die Zeit und Ruhe, mich zu integrieren. Ich habe nach und nach die anderen Vampire kennengelernt und musste einsehen, dass sie doch weit mehr waren als einfach nur Monster. Dass sie, wie ich, ihre eigenen Interessen hatten, ihre eigenen Träume und dass jeder von ihnen auf eine gewisse Art Lucias Launen fürchtete.”



“Natürlich gab es hin und wieder noch Schwierigkeiten. Eifersucht sogar, weil Lucia mir zunehmend mehr Aufmerksamkeit schenkte. Aber im Großen und Ganzen habe ich mich gut von ihnen aufgenommen gefühlt.”



“Es gab Nächte, in denen ich sogar völlig vergessen habe, dass ich je ein anderes Leben hatte. Dank Marcos Hilfe habe ich in Lucias Clan eine neue Familie gefunden.”



“Ich hoffe so sehr, dass ich ihn wieder sehen kann.”



So langsam meint Evan zu verstehen, was Orion an seinem Mentor liegt. Dieser Mann scheint eine sehr große Rolle in seinem zweiten Leben gespielt zu haben, bis er gewaltsam aus diesem gerissen wurde. Es ist vermutlich besser, wenn er nicht weiter nachfragt, ehe er diese Erinnerung auch noch weckt. Lieber sollte er den Jungen auf andere Gedanken bringen.

“Das hoffe ich ebenfalls. Er scheint eine sehr interessante Person zu sein. Ich würde mich darüber freuen, ihn kennenlernen zu dürfen.”



“Leider bleibt uns wohl nichts, als abzuwarten. Lucia tut ja bereits alles in ihrer Macht stehende, um den Kontakt herzustellen.”

“Deshalb ist sie auch so viel unterwegs…”



“Ein Umstand, der einerseits natürlich sehr bedauerlich ist, aber andererseits durchaus auch seine Vorzüge besitzt, findest du nicht?



“Oh doch.”



“Was meinst du? Sollen wir die Dauer ihrer Abwesenheit noch ein wenig ausnutzen?”

 

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