Die Tage nach der Sichtung des Vampirjägers verbringen Evan und seine Gäste in Anspannung. Jeden Moment rechnen sie damit, dass er plötzlich vor ihrer Haustür steht. Aber es geschieht nichts. Weder sie noch irgendein anderer Bewohner Forgotten Hollows beobachtet etwas Verdächtiges. Anfangs hält Evan das Ganze noch für einen Trick, nachdem jedoch fast eine Woche vergangen ist, ohne dass etwas geschehen wäre, kehrt langsam Ruhe ein.
An die Anwesenheit der beiden anderen Vampire in seinem Haus hat er sich mittlerweile fast schon gewöhnt. Inzwischen glaubt er auch nicht mehr daran, dass die zwei etwas im Schilde führen könnten. Sie hatten genug Gelegenheiten ihm in den Rücken zu fallen und haben es nicht getan. Ob er ihnen wirklich vertraut weiß er noch nicht, aber zumindest erlaubt er es sich, sich in ihrer Gegenwart dennoch zu entspannen. Auch wenn die zwei nicht immer die leichtesten Gäste sind…
“Ach, langsam bin ich es leid, immer aus Gläsern zu trinken!”
“Ich kann deinen Frust verstehen, Lucia. Trotzdem glaube ich, dass es besser so ist.”
“Zuhause wäre mir das nie passiert! Selbst bei einer Situation wie dieser, in der wir uns kaum vor die Tür wagen können, hätte ich noch meinen privaten Vorrat im Keller.”
“Für so etwas habe ich hier weder den Platz, noch habe ich Interesse daran, Gefangene zu halten.”
Diese Aussage scheint Lucia nicht zu passen. Noch bevor Evan seinen Satz beendet hat, verzieht sie das Gesicht.
“Wenn ich gewusst hätte, was für ein Weichei du bist, hätte ich mir einen anderen Unterschlupf gesucht.”
Evan kann nicht anders als darüber zu lachen. Wenn sie ihn damit beleidigen wollte, hat es nicht funktioniert. Viel mehr amüsiert er sich über ihre Ungeduld.
“Weil ich niemanden gegen seinen Willen hier halte? Oh, bitte! Ich ziehe es vor, wenn meine Beute freiwillig zu mir kommt.”
“Freiwillig? Ist das dein Ernst?”
“Nun….sagen wir fast freiwillig. Es genügt mir, wenn die Menschen selbst im Glauben sind, das aus freien Stücken zu tun.”
“Ah, Gedankenkontrolle?”
“In gewisser Weise. Aber nicht wie du glaubst. Oft reichen ein gepflegtes Äußeres, ein paar Komplimente und ein charmantes Lächeln schon aus.”
“Du flirtest mit deiner Beute. Das hätte ich ahnen sollen.”
Lucias Augenrollen trägt nur zu Evans Belustigung zu. Dass sie ihn nicht ernst nimmt, ist offensichtlich.
“Du sagst das, als sei das etwas Schlechtes! Ich sehe darin nur Vorteile. Sie folgt mir dadurch nicht nur gern zu einem abgelegenen Plätzchen oder lädt mich gar in ihr Haus ein, einige sind sogar geradezu wild darauf, mich an ihren Hals zu lassen. Den Biss erwarten allerdings die Allerwenigsten…”
Wenigstens lacht Lucia darüber jetzt auch, selbst wenn sie dabei ungläubig den Kopf schüttelt.
“Hah! Die Menschen, die darauf hereinfallen, müssen wirklich außerordentlich naiv sein! Aber sie sind selbst Schuld, wenn sie später mit Löchern im Hals aufwachen.”
“Naiv? Rede dir das ruhig ein. Es ist ja nicht so, als ob sie meine Gesellschaft nicht genießen könnten. Ich weiß den Moment voll auszukosten! Die Möglichkeit, ohne Gegenwehr an frisches Blut zu gelangen, ist im Grunde nur ein sehr willkommener Nebeneffekt. Und manche empfinden angeblich selbst das als- …oh!”
Ehe er seinen Satz beenden kann, hält Evan inne. Die beiden sind nicht mehr alleine.
“Orion! Schleichst du dich schon wieder an?”
“Bin ich wirklich so leise?”
“Ja, bist du. Wenn du so weitermachst hänge ich dir irgendwann ein Glöckchen um!”
“Was kann ich für dich tun? Hast du keine Lust mehr zu lesen? Oder findest du keine interessanten Bücher mehr?”
“Doch, aber immer nur zu lesen ist auf Dauer auch ein wenig langweilig. Daher wollte ich fragen…also…ich habe den Flügel gesehen…”
“Willst du spielen?”
Damit trifft Evan offenbar mitten ins Schwarze. Das war aber auch nicht schwer zu erraten. Orion bestätigt seinen Verdacht mit einem eifrigen Nicken. Es scheint fast, als hätte er diese Frage schon eine ganze Weile lang mit sich herumgeschleppt.
“Dann bitte, das darfst du gerne tun. Vielleicht ist er ein wenig verstimmt, ich habe selbst lange nicht mehr darauf gespielt, aber versuche es doch einfach.”
“Das ist eine wunderbare Idee! Er spielt wirklich gut.”
Das lässt Orion sich nicht zweimal sagen. Kaum, dass er die Erlaubnis dazu bekommen hat, setzt er sich an den Flügel und lässt seine Finger über die Tasten schnellen. Evan beobachtet den jungen Vampir dabei wohlwollend. Es ist schön zu sehen, dass selbst er langsam ruhiger wird. Die erste Zeit waren Orion und Lucia fast untrennbar. Jetzt aber, wo die beiden schon ein paar Tage hier sind und die Gefahr durch die Jäger nicht mehr unmittelbar erscheint, traut er sich immer öfter im Alleingang das Haus zu erforschen oder sich zum Lesen zurückzuziehen. Manchmal hat Evan zwar das Gefühl, Orion würde ihn beobachten, aber dem wird er auch noch auf den Grund gehen. Alles zu seiner Zeit.
Für den Augenblick genießt er lieber das Klavierspiel. Lucia hat nicht gelogen. Orion ist fantastisch darin. Fast schon zu schade, nur dazusitzen und zuzuhören.
“Sag, Lucia...tanzt du?”
“War das eine Einladung?”
“Wenn du das möchtest.”
Einen Moment lang scheint Lucia nachzudenken. Evan sieht aber schon an ihrem Gesichtsausdruck, dass das höchstwahrscheinlich nur gespielt ist.
“Sicher. Warum eigentlich nicht?”
Das wollte er hören. Ohne Aufschub erhebt er sich von seinem Platz und reicht Lucia die Hand.
“Darf ich bitten?”
So unmittelbar, wie sie darauf reagiert, tut sie das definitiv nicht zum ersten mal. Umso besser ist es für Evan, wenn er weiß, worauf er sich einstellen kann. Was er allerdings nicht erwartet, ist, dass sie gleich wieder zu sprechen beginnt, sobald sie ihm ein wenig näher gekommen ist.
“Um auf deine Jagdmethode zurückzukommen…mir wäre all das viel zu anstrengend.”
Evan lacht. Was für ein Moment, dieses Thema erneut anzuschneiden! Aber vielleicht ist das gar nicht so ungeschickt, also geht er darauf ein, wenn auch nicht ganz ohne Hintergedanken.
“Das ist Ansichtssache. Als anstrengend empfinde ich dieses Spiel keinesfalls. Ganz im Gegenteil. Ich kenne keine bessere Unterhaltung.”
“Ah! Dann ist das für dich also ein Spiel, ja? Dem kann ich schon besser folgen. Nur spiele ich dieses Spiel ein wenig anders als du.”
“Sicher? Lass mich raten…du entdeckst ein passendes Opfer und isolierst es geschickt…”
“...alleine meine Präsenz reicht aus, um mein Ziel zu vereinnahmen, ja willenlos zu machen…”
“...wenn du dich sicher glaubst, kommst du deiner Beute immer näher…”
“...und in einem Moment ihrer Unachtsamkeit…”
“...schlägst du zu!”
Evan schmeckt noch immer das Blut von Lucias Lippen, als er sich schließlich von diesen lösen kann. Sie hat sich nicht dagegen gewehrt. Ganz, wie er erwartet hat.
“Wir sind uns nicht so unähnlich wie du glaubst, Lucia.”
Für einen Augenblick starrt Lucia ihn sprachlos an, vermutlich schockiert über sich selbst, als sie realisiert, was gerade eben geschehen ist. Dann fängt sie an zu lachen.
“Da war ich wohl einen Moment lang unachtsam.”
“Fast schon naiv, um es in deinen Worten auszudrücken…”
“Vorsicht, Evan! An deiner Stelle würde ich es nicht zu weit treiben!”
"Ist das eine Herausforderung?”
“Vielleicht.”
Lucias Grinsen gibt Evan eine wesentlich eindeutigere Antwort darauf als ihr vages Wort. Bevor er aber darauf eingehen kann, wird er plötzlich unterbrochen.
Evan hatte gar nicht bemerkt, dass Orion aufgehört hat zu spielen. Erst jetzt, wo er neben ihm und Lucia steht und die beiden anspricht, fällt es ihm auf.
"Uhm…ich unterbreche euch nur äußerst ungern, aber…ich glaube, da schleicht jemand ums Haus."











































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