Kapitel 20: Ein normaler Tag im Krankenhaus

 

 



Krankenhaus von Willow Creek, Montagvormittag

Zu Beginn der nächsten Woche kehrt Amando zur Arbeit zurück. Seine Müdigkeit ist er entgegen der Hoffnung seiner Kollegin zwar nicht los, aber er merkt trotzdem, dass die Auszeit ihm gut getan hat. Abgesehen von der Sache mit dem “Sonnenbrand” natürlich. Aber der ist auch schon viel besser geworden. Dennoch ist er froh, wieder hier zu sein. Die letzten Tage, nachdem sein Vorrat angesammelter Blutkonserven leer war, waren etwas umständlich. Er hatte ja gehofft, dass Narciso ihm aushelfen kann, konnte diesen aber nicht erreichen. Glücklicherweise hatte die Barkeeperin in der Krypta ihm etwas anzubieten, sonst hätte er ein paar Tage hungern müssen.



Jetzt, wo er wieder arbeitet, hat Amando auch sofort alle Hände voll zu tun. Wie immer ist viel los im Krankenhaus.

"Tja…das sieht aus, als hätten Sie sich den Knöchel verstaucht, Herr…Rosales, richtig?"

"Richtig."



"Sie sollten das Bein eine Weile lang schonen. Weitere Belastungen könnten es nur noch schlimmer machen."

"Das ist schlecht."



"Sicher, aber das wird wieder. Sie müssen sich nur gedulden. Was sagten Sie noch gleich, machen Sie beruflich?"



"Ich bin Tanzlehrer."

"Ah…dann ist das während der Arbeit passiert?"

"Ja."



"Das ist natürlich ungeschickt. Ich fürchte, in den nächsten Wochen werden Sie auf praktischen Unterricht verzichten müssen. Vorsichtiges Gehen sollte bald wieder möglich sein, so schlimm ist die Verletzung glücklicherweise nicht, aber das Tanzen sollten Sie eine Weile unterlassen."



Amando sieht am Ausdruck seines Patienten schon, dass dem das so gar nicht passt. Zaubern kann er aber auch nicht. Er ist ja nicht seine Schwester.

"Vielleicht konzentrieren Sie sich in der Zwischenzeit mehr auf theoretische Lektionen?"



"Muss ich wohl."

Der Patient seufzt tief. Wenigstens sieht er es ein. Nichts ist unangenehmer als Patienten, die glauben, sie wüssten es besser, nur um kurze Zeit später mit einer noch weitaus schlimmeren Verletzung wieder bei ihm zu landen.

"Ich kann verstehen, dass Sie unzufrieden sind, Herr Rosales. Aber Kopf hoch! Es hätte wesentlich schlimmer kommen können.”



“Leider muss ich schon wieder weiter zu meinem nächsten Patienten, es ist viel los heute. Meine Kollegin kümmert sich gleich um Sie. Gute Besserung Ihnen! Wenn noch etwas mit dem Bein ist, wenn es schlimmer wird oder Sie den Eindruck haben, es bessert sich nicht, zögern Sie nicht, sofort wieder vorbeizukommen. Ansonsten sehe ich Sie nächste Woche nochmal."



Damit verlässt Amando seinen Patienten, schließlich warten noch einige Andere auf ihn.

"So, mal sehen. Als nächstes muss ich zu…oh!"

Diesen Namen so schnell wieder zu lesen hätte er nicht erwartet.



“Frau Pyle! Das ist aber eine Überraschung.”



“Wie geht es Ihnen?”

“Ich würde gerne sagen gut, aber ich fürchte, ich habe mir etwas eingefangen. Sonst wäre ich doch kaum hier, oder Dr. De Luna?”

Amando lacht. Damit hat sie wohl recht. Trotzdem sieht er sie lieber mit ein paar roten Flecken im Gesicht vor ihm sitzen als mit Löchern im Hals vor seiner Klinik liegen.

“Nein. Ich hoffe doch, es ist nichts Schlimmes? Vergleichen mit dem Zustand, in dem Sie hier letztes mal ankamen, sehen Sie aus wie das blühende Leben.”

“Das stimmt wohl.”



“Sie haben sich, wie es scheint, gut erholt.”

“Allerdings. Dafür wollte ich mich auch noch bei Ihnen bedanken.”



“Nichts zu danken, wirklich. Als Arzt ist es doch meine Aufgabe, meinen Mitbürgern zu helfen. Also, dann sehen wir doch einmal, was Ihnen heute fehlt…”



“Ich frage mich nur noch immer, wach genau an diechem Kag eigenkich vorgefallen ichk…”

“Bitte nicht sprechen, während Sie das Thermometer im Mund haben.”

Auch wenn ihn das durchaus auch interessiert. Bislang ist er nicht dazu gekommen, mit den anderen Fällen zu sprechen. Rowan Pyle war schließlich nicht die Einzige, die eines Tages mit hohem Blutverlust und stark erhöhtem Alkoholspiegel hier ankam. Vielleicht ist das eine Gelegenheit, mehr über die Vorfälle herauszufinden.



“Erinnern Sie sich denn wirklich überhaupt nicht?”

“Kaum. Ich war an diesem Abend in einer Bar. Dort wurde ich von zwei jungen Männern angesprochen.”



“Ich muss schon etwas angetrunken gewesen sein, deshalb erinnere ich mich nicht mehr daran, was genau sie von mir wollten. Aber ich erinnere mich, dass der eine eine Kapuze trug und der andere…eine dunkle Jacke? Und Ohrringe? Und einer der beiden hatte so stechend gelbe Augen, aber ich weiß nicht mehr welcher. Ich weiß nur noch, dass mir das da schon seltsam vorkam.”

Eine dunkle Jacke und Ohrringe? Das klingt fast wie….nein. Das kann nicht sein. Narciso würde so etwas nie tun. Diesen Gedanken verdrängt Amando lieber schnell wieder. Er hat schon eine Menge anderer Vampire gesehen, auf die diese Beschreibung zutrifft. Vampire von der Sorte, der er selbst nicht traut.



“Und was dann passiert ist wissen Sie nicht mehr?”

“Nein. Ich habe nur manchmal wirre Albträume von dieser Nacht.”

Amando denkt darüber nach sie nach Details zu fragen, aber bevor er dazu kommt, erzählt sie schon unaufgefordert davon.



“Alte Mauern kommen darin vor. Ich habe ein Gefühl, als ob ich von vielen spitzen Nadeln durchbohrt werden würde und dann ist da dieses…Gelächter. Dieses grässliche, grässliche Gelächter. Manchmal träume ich, ein Rudel Hyänen würde mich umringen und nur darauf warten, mich zu zerfleischen.”



Alleine die Beschreibung jagt Amando einen eiskalten Schauer über den Rücken, dabei kann er sich wahrscheinlich nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie sich das angefühlt haben muss. Die arme Frau tut ihm wirklich leid.

“Vielleicht würde eine Therapie Ihnen helfen. Mit so etwas sollte niemand alleine zu kämpfen haben. Bis dahin kann ich Ihnen auch ein Schlafmittel verschreiben, das diese Träume etwas eindämmen sollte.”

“Dafür, dass diese Träume endlich aufhören, würde ich alles geben! Vielen Dank, Dr. De Luna.”



“Keine Ursache. Aber eines noch….waren Sie damit denn schon bei der Polizei?”

“Ja. Natürlich. Allerdings…nicht direkt.”

“Nicht direkt? Wie meinen Sie das?”



“Ich habe keine offizielle Anzeige erstattet. Aber ich habe, kurz, nachdem ich aus dem Krankenhaus hier entlassen wurde, beim Einkaufen eine sehr nette Polizistin getroffen. Die hat alles noch an Ort und Stelle aufgenommen und mir so den Gang zur Polizeiwache erspart, einschließlich der Wartezeiten.”

“Ah….das ist aber nett.”



Amando hat ein ungutes Gefühl bei der Sache. Eine Polizistin lässt sich das beim Einkauf erzählen, bittet sie aber nicht darum, mit ihr auf die Wache zu kommen? Das ist äußerst seltsam. Leider besitzt er keinen direkten Kontakt zur Polizei, um das überprüfen zu können. Trotzdem sollte er dem Ganzen nachgehen.

“Dann hoffe ich, dass unsere Freunde und Helfer diejenigen, die Ihnen das angetan haben, bald finden und zur Rede stellen!”



“Ich ebenfalls. Ich kann immer noch nicht fassen, was für Monster dort draußen frei herumlaufen…”

“Nicht mehr lange, hoffentlich. So, die Untersuchung ist auch beendet. Sie haben einen milden Fall der Lamagrippe, wie es scheint.”



“Tut mir leid, Frau Pyle, aber ich muss Ihnen dagegen eine Spritze geben.”

“Oh nein, bitte keine Nadeln!”

“Ganz ruhig, es ist gleich vorbei.”



“So, schon fertig.”

“Wirklich? Ich habe gar nichts gespürt.”

“Na umso besser! Die Grippe sind Sie auch bald los. Wegen der Schlafmittel schreibe ich Ihnen etwas auf, das wird ebenfalls zu Ihrer Genesung beitragen. Schlaf ist eben immer noch das beste Heilmittel.”



“Vielen Dank Dr. De Luna.”

“Kommen Sie gut nach hause, Frau Pyle. Und gute Besserung!”



Nach ein paar weiteren Patienten bekommt Amando endlich einmal die Gelegenheit, kurz durchzuschnaufen. Normal würde er diese Zeit für ein Nickerchen im Pausenraum nutzen, aber nicht heute. Seine erneute Begegnung mit einem der Opfer dieser seltsamen Reihe von Vampirangriffen hat ihn zum Nachdenken gebracht. Wie geht es den anderen Fällen? Waren die bei der Polizei? Erinnern sie sich vielleicht an mehr? Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen ihnen?



So viele Patienten wie er hat, erinnert er sich nicht an alle Namen. Die zu wissen wäre allerdings hilfreich bei seiner Suche nach Antworten. Entsprechend verbringt er die nächste halbe Stunde damit, sämtliche Akten durchwühlen und zumindest die Namen und Kontaktdaten der Opfer herauszufinden. Wenn er wieder einen freien Tag hat, kann er vielleicht mit dem einen oder anderen telefonieren, um mehr herauszufinden.



Natürlich fällt all das weit außerhalb seines eigentlichen Arbeitsbereichs, immerhin ist er Arzt und kein Detektiv. Aber wer außer ihm sollte etwas unternehmen? Zur Polizei zu gehen und denen ins Gesicht zu sagen, dass er Vampirangriffe vermutet, ist keine gute Idee. Nicht jetzt, wo sich angeblich sowieso schon Vampirjäger in der Gegend befinden. Und seinen Kollegen kann er sich damit auch schlecht anvertrauen, die wissen wahrscheinlich noch weniger als er selbst. Bleibt als nur er allein. Zumal er die Möglichkeit hat, sich auch in der Krypta zu informieren.



Wie er weiter vorgehen will, weiß er allerdings noch nicht. Zur Not muss er sich bei seiner Familie Hilfe suchen. Narciso hat so viele Freunde, der bekommt mit Sicherheit mit, wenn etwas nicht stimmt. Und Evan weiß vielleicht, wie mit der Situation umzugehen ist.



Noch während des gesamten restlichen Arbeitstags denkt Amando darüber nach, was er tun könnte. Glücklicherweise hat er heute auch keine allzu schweren Fälle mehr, so dass seine geistige Abwesenheit kaum auffällt. Leichte Krankheiten erkennt und behandelt er ja im Schlaf. Trotzdem ist er froh, als er endlich nach hause kann.



“Und jetzt erst einmal entspannen…”

Vielleicht geht er duschen und legt sich dann mit einem guten Buch aufs Bett. Verdient hätte er es.



“Marietta, ich bin….”



“Ah, da bist du ja endlich…Amando.”

 

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